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ARCHIV GEWISSENSFREIHEIT
1996 - 2022
herausgegeben von Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.4 Psychologische Literatur
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Stephan Marks
Scham - die tabuisierte Emotion
Düsseldorf: Patmos, 1. Aufl. 2007

Es gibt nur wenige Darstellungen der Scham und die Theorie der Scham steht erst an ihrem Anfang. Über Scham redet man nicht, man zeigt sie nicht, sondern hält sie verborgen. Scham ist heute selbst zu etwas geworden, dessen sich die Menschen schämen. Deshalb verbirgt sich die Scham oft hinter anderen Affekten wie Angst, Wut oder Zorn, d.h. sie zeigt sich in verhüllter Form. (S. 12)

Wir schämen uns all dessen, was wirklich an uns ist und unsere Identität ausmacht: unserer selbst, unserer Verwandten, unseres Einkommens, unseres Akzentes, unserer Meinungen, Erfahrungen oder unserer nackten Haut. Schamgefühle können von unterschiedlicher Inten-sität sein. Sie reichen von Verlegenheit, Gehemmtsein, Schüchternheit oder Peinlichkeits-empfinden bis zu alles umfassenden Zweifeln am eigenen Selbstwert. (S. 13) Sechs Formen von Scham lassen sich unterscheiden:

Anpassungsscham: Schamgefühle, weil man den herrschenden Erwartungen und Normen im Hinblick auf Aussehen, Fähigkeiten und Leistungen nicht entspricht.

Gruppen-Scham: Schamgefühle, weil andere Personen, denen man durch Zugehörigkeit verbunden ist (Familie) den herrschenden Erwartungen und Normen nicht entsprechen (S. 13)

Empathische Scham: Mitfühlen einer Beschämung, die anderen Personen widerfährt, wenn man Zeuge wird. Intimitäts-Scham (Schamhaftigkeit): Neigung, unsere Privatsphäre gegenüber anderen zu schützen und z.B. unsere persönlichen Gefühle nicht öffentlich herauszuposaunen.

Traumatische Scham: Gefühlslage nach Missbrauch oder Vergewaltigung, also wenn die Privatsphäre in traumatischer Weise durch andere Menschen verletzt wurde.

Gewissens-Scham: Sich schämen für eine schlechte Handlung (S. 14)

Zur Anpassungs-Scham:

Die Verletzung von Regeln der Höflichkeit und des Anstandes, z.B. über Begrüßungsriten, Bekleidung, Essen etc. können das Empfinden von Peinlichkeit auslösen. (S. 14) Ebenso der kurzzeitige Verlust der Körperkontrolle durch Erröten, Stolpern, Rülpsen, Blähungen, vorzeitige Erektion (S. 21), die Äußerung von Gefühlsbewegungen wie spontane Zärtlichkeit, Weinen (S. 23). Die Angst vor dieser Peinlichkeit kann zu einer Phobie führen. Eine Unterform dieser Angst ist die Erythrophobie, die Angst vor dem Erröten. (S. 14)

Prüfungsversagen, Arbeitslosigkeit (S. 15), psychische Krankheiten (S. 16), Unsportlichkeit, Legasthenie, Nichteinhalten eines Versprechens (S. 17), geringer beruflicher und sozialer Sta-tus, nicht-konforme Bedürfnisse wie homosexuelle Phantasien, Sehnsucht alter Menschen nach Zärtlichkeit, Sehnsucht nach einer friedlichen, gerechten und ökologisch ausgewogenen Welt, Zugehörigkeit zu einer diskriminierten Gruppe, Ethnie oder Religionsgemeinschaft (S. 18), Abweichungen vom körperlichen Schönheitsideal, Hautkrankheiten (S. 18), andere Krankheiten wie Krebs oder Parkinson sowie das Altern und die damit verbundene Erfahrung von Schwäche (S. 20) können Anpassungs-Scham auslösen.

Wofür Menschen sich jeweils schämen oder weshalb sie beschämt werden, hängt stark von den Werten und Normen der jeweiligen Kultur oder Subkultur ab. (S. 21) Die Gesellschaft erwartet, dass jemand, der den Gruppennormen nicht entspricht, sich dafür schämt. Im Zweifel hilft sie durch Beschämung nach. (S. 22)

Zur Gruppen-Scham:

Man kann sich seiner eigenen Familienangehörigen, seiner ethnischen Gruppe oder Nation schämen. Die Krankheit eines Menschen kann zur Scham seiner Freunde führen, die sich dann von ihm trennen. (S. 25) Wenn wir in der Öffentlichkeit an der Seite eines nicht-konformen Menschen sichtbar werden, befürchten wir, in den Augen unserer Mitmenschen mit diesem Menschen identifiziert zu werden und etwas von dessen Abwertung abzubekom-men. Scham kann sich auch auf die kollektive Vergangenheit beziehen, z.B. auf Gewalttaten, die frühere Generationen v erübt oder erlitten haben. (S. 26)

Zur Empathischen Scham:

Die Schamgefühle eines erniedrigten Menschen teilen sich wie durch eine Art psychischer Ansteckung, dem Zeugen mit. Sie befähigt uns zu Mitgefühl, Solidarität und Freundschaft. Sie treibt uns an, den Schwachen beizustehen, sie zu schützen und zu verteidigen. (S. 27)

Zur Intimitäts-Scham:

Das Wort Scham geht auf das indogermanische kam/kem = zudecken, verschleiern, verber-gen zurück. Diese Funktion wird am deutlichsten bei der Schamhaftigkeit angesprochen. Sie wahrt die eigene Privatsphäre gegenüber anderen. Allzu persönliche Gedanken und Gefühle wie auch intime Körperteile werden vor anderen verborgen. (S. 27) Welche Körperteile als intim und damit schambesetzt gelten, ist kulturabhängig. In der gegenwärtigen westlichen Kultur sind das die Geschlechts- und Ausscheidungsorgane, in der islamischen Kultur außerdem die Kopfhaare der Frau und deren ganzer Körper. Ein Indikator für schambesetzte Körperteile ist das Fehlen eines sprachlichen Ausdrucks für sie. (S. 28)

Die Schamhaftigkeit wacht über den Kern unserer Persönlichkeit, unsere intensivsten Gefühle, unseren Sinn für Identität und Integrität, unsere sexuellen Wünsche, Erlebnisse und Kör-perteile. Léon Wurmser schreibt: "Ohne diese Hülle der Scham fühlt man sich der Würde beraubt." Die Schamhaftigkeit hat zwei Ausrichtungen: Passiv schützt sie Teile der Persönlichkeit davor, von anderen enthüllt zu werden, aktiv nötigt sie zur Regulierung, inwieweit wir uns anderen öffnen wollen. Ich möchte mich anderen zeigen, aber nicht alles. Ich möchte anderen mehr als bisher von mir zeigen, muss aber darauf achten, inwieweit ich das tun kann, ohne beschämt zu werden. (S. 28)

Zur traumatischen Scham:

Die Intimitäts-Scham wird uns häufig erst dann bewusst, wenn eine Grenze verletzt wurde. (S. 29) Intensive oder wiederholte Verletzung der Intimitäts-Grenzen können zu pathologi-scher und im Extrem zu traumatischer Scham führen. Das hängt von Risikofaktoren oder Resilienzfaktoren (günstige Faktoren wie Vitalität, günstiges soziales Umfeld etc.) ab. (S. 30) Traumatische Scham ist eine charakteristische Nachwirkung von traumatischen Grenzverlet-zungen wie Missbrauch, Vergewaltigung oder Folter. (S. 31) Die erfahrene Demütigung wird vom Folteropfer übernommen, sie verachten sich selbst so wie sie verachtet worden sind. (S. 32)

Zur Gewissens-Scham:

Die Gewissens-Scham schützt die eigene Integrität. Wir schämen uns für unser Handeln, weil wir durch dieses Handeln in gewisser Weise auch uns selbst verletzt haben. Die Gewissens-Scham entspringt einem Konflikt zwischen Über-Ich und Ich. Sie entspringt der Spannung zwischen dem, was wir sein wollen, und dem, was wir sind. Gewissens-Scham möchte uns vor Selbst-Verrat bewahren. Sie ist der Grund dafür, warum auch der Täter aus einer Gewalt-tat beschädigt hervorgeht. (S. 34) Gewissens-Scham stellt sich ein, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit unserem Gewissen gehandelt und damit unsere eigenen Werte und Ideale verletzt haben, weil wir uns materiell, politisch oder seelisch haben korrumpieren lassen (z.B. durch die Aufrechterhaltung entwürdigender Arbeitsverhältnisse). Gewissens-Scham erinnert uns an unversöhnte Schuld. Es genügt deshalb nicht, sich zu schämen, notwendig ist auch, uns zu entschuldigen und die Schuld wiedergutzumachen. (S. 35)

Wie wird Scham erlebt? - Wir verlieren unsere Geistesgegenwart und Selbstkontrolle, fühlen uns geistig wie gelähmt, empfinden uns als unfähig, minderwertig, hilflos, schwach, gedemü-tigt und gekränkt. Die Aufmerksamkeit richtet sich stark auf uns selbst. Wir erleben einfrie-rende Reaktionen und Versteck-Impulse: Wir erstarren und verharren im Schmerz. Wir fühlen uns deprimiert, traurig. Wir wollen im Boden versinken. Wir empfinden Flucht-Impulse und wollen die Scham auslösende Situation fluchtartig verlassen. Wir erleben Kampf-Reaktionen: Wir ärgern uns über uns selbst, werden wütend, aggressiv und überheblich. Wir haben den Impuls, die Person, die uns beschämt hat, zu beschämen oder anderweitig zu bestrafen. Die sonst aufrechte Körperhaltung ändert sich, der Körper sackt zusammen, wir machen uns klein und igeln uns ein. (S. 37) Wir senken den Blick, vermeiden Blickkontakt, die Gesichts-züge frieren ein, wir setzen eine Maske auf. (S. 38)

Das Gefühl der Scham unterliegt einer Entwicklung. Kleine Kinder haben ganz offene, su-chende Augen. Wenn wir sie anlächeln, reagieren sie mit intensiver Freude. Kleine Kinder verlangen danach, zu sehen und gesehen zu werden. Sie suchen nach dem "liebevoll spie-gelnden Glanz im Auge der Eltern" (Heinz Kohut: Narzissmus 1992). Dadurch dass das Kind liebevoll angeschaut wird, entwickelt es das Vertrauen darin, dass es geliebt wird und lie-benswert ist, und zwar gerade auch dann, wenn es sich so zeigt, wie es ist, also auch, wenn es negative Gefühle ausdrückt wie Trauer oder Ärger. Eltern, die einfühlsam auf die affekti-ven Signale des Kindes reagieren, vermitteln zudem die Erfahrung, dass der Ausdruck von Affekten rein sinnvolles und wirksames Signal ist, um Unterstützung zu erlangen. Wenn da-gegen das Ausdrücken von Emotionen, die die Zuwendung der Bindungsperson veranlassen sollen, immer wieder zu Zurückweisung führt, entwickelt sich ein Stil des Affektverhaltens, der mit einer Minimierung des affektiven Ausdrucks und einer Maskierung vor allem von ne-gativen Emotionen verbunden ist. Diese Kinder lernen, dass sie so, wie sie sind, nicht lie-benswert sind. (S. 39) In der Säuglingsforschung wurde beobachtet, dass schon zwei bis drei Monate alte Kinder ihren Blick abwenden, wenn jemand zudringlich ist oder wenn die Be-zugsperson unberechenbar einmal nahe, einmal fern ist. Das zeigt, dass schon Säuglinge ein Gefühl für ihre Grenzen und ihre Bedürfnisse haben. Wenn die Eltern-Kind-Kommunikation gelingt und die Grenzen des Kindes gewahrt werden, kann ein gesundes Selbstwertgefühl und eine gesunde Intitimitäts-Scham entwickelt werden: das Bewusstsein, wertvoll und liebens-wert zu sein, sowie die Fähigkeit, seine Grenzen zu wahren. Ist der frühe Austausch dagegen gestört, dann kann das Selbstwertgefühl des Kindes tief beeinträchtigt werden und die Vorläu-fer einer pathologischen oder traumatischen Scham können sich entwickeln. Das ist der Fall, wenn die Eltern ihre Kinder ablehnen; weil es existiert oder weil es nicht so ist, wie die Eltern es sich gewünscht haben. Ein Kind wird mit Scham erfüllt, wenn es sich gezeigt hat und als nicht liebenswert zurückgewiesen wurde. Dann fühlt es nicht nur, von den Eltern nicht geliebt zu werden, sondern auch, nicht liebenswert zu sein. (S. 40) Scham ist das Gefühl, ein Nichts, ein Unwert zu sein. (S. 42) Der abwertende Blick der anderen wird in sich selbst aufgenom-men und zu einem abwertenden Blick auf sich selbst. (S. 43)

Zurückweisung zu erfahren ist nicht immer nur ein individuelles Schicksal. Es gibt auch die kollektive Erfahrung von struktureller Erniedrigung, die Menschen allein deshalb erfahren, weil sie einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Ethnie, Klasse oder Kaste angehö-ren. (S. 45) Strukturelle Erniedrigung kann schon durch die Pädagogik vermittelt werden. Ein abschreckendes Beispiel ist Johanna Haarers Erziehungsbuch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind von 1934 (S. 47) Strukturelle Erniedrigung wird in der Regel transgenerational weitergegeben. (S. 49)

Die Fähigkeit, Scham zu erleben, setzt einen Entwicklungsschritt voraus, den Kinder erst ab der Mitte des zweiten Lebensjahres vollziehen. Jetzt werden sie zu objektiver Selbsterkenntnis fähig. Das zeigt sich in dem Zeigen von Verlegenheit. (S. 51) Kinder können jetzt auch Scham empfinden, wenn sie Normen verletzen und entdeckt werden. Die damit verbundene Scham ist eine eigene Leistung, keine Beschämung. Sie ist wichtig für die moralische Ent-wicklung des Kindes. (S. 52) Ab etwa zweieinhalb Jahren beginnt das Kind, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die Abweichung von dem, wie "ich sein sollte" und dem wie ich gehandelt habe, löst natürliche Schamgefühle aus. Werden Abweichungen jedoch mit Beschämungen geahndet, lernt das Kind, Fehler mit Beschämungen zu verknüpfen". (S. 54) Die Botschaft der Beschämung ist eine globale Attributierung, also eine "Du-bist-Botschaft". Sie führen zu dem Gefühl, nicht nur einen Fehler gemacht zu haben, sondern ein Fehler zu sein. (S. 55) Den Selbstwert unangetastet lassen dagegen spezifische Attributierungen wie Schuldzuweisungen: Du hast das kaputt gemacht, sorge für Ersatz! und nicht: Du bist ein Versager! Sie ermöglichen es, aus Fehlern zu lernen. (S. 56)

Mit der Entwicklung von Ich und Gewissen orientiert sich der Mensch nicht mehr primär an den Erwartungen und Blicken der anderen, sondern trifft selbstverantwortliche Entscheidun-gen im Einklang mit seine im Gewissen adaptierten ethischen Prinzipien. Wir schämen uns dann primär nicht mehr vor anderen, sondern vor allem vor uns selbst. Das begangene Un-recht bewirkt eine innere Entzweiung - das Bedürfnis nach Integrität (Achtung vor sich selbst) motiviert dazu, die ethischen Prinzipien zu befolgen. (S. 57) Die Gewissens-Scham vieler Vietnam-Veteranen, die in der Heimat als Baby-Mörder beschimpft wurden, führte zu massiven psychischen Problemen. Seit Ende des Krieges nahmen sich mehr Veteranen das Leben als im Krieg selbst gefallen sind; hinzu kommen zahllose versteckte Suizide durch verbreiteten Drogenmissbrauch und "Unfälle".

Scham und Schuld werden häufig verwechselt, sind aber deutlich zu unterscheiden. Scham ist ein Gefühl, Schuld dagegen eine Tatsache, die allerdings mit Gefühlen verbunden sein kann, nämlich mit Reue und Gewissens-Scham Häufig liegt der Scham gar keine Schuld zugrunde, etwa, wenn sich Menschen dafür schämen, dass sie krank oder arbeitslos sind. (S. 59) Scham ist entwicklungspsychologisch ein sehr frühes Gefühl. Die Fähigkeit, Schuld anzuerkennen ist dagegen eine späte Errungenschaft. Sie setzt objektive Selbsterkenntnis, kognitive Fähigkeiten und die Internalisierung von Werten im Gewissen voraus. Die Kontrollinstanz liegt bei der Scham eher außen, sie ist der Blick der anderen, bei der Schuld-Verarbeitung ist die Kontrollinstanz dagegen innen, im Gewissen Die Sanktion bei Scham besteht in Schamgefühlen, die durch Beschämung verstärkt werden können. Eine solche Schande ist ein bleibender Makel, der nur durch ein Ritual, Selbstmord oder eine grandiose Aktion zur Wiederherstellung derb Ehre getilgt werden kann. Bei der schuld besteht die Sanktion dagegen in Gewissensbissen, die von den Mitmenschen durch Bestrafung verstärkt werden kön-nen. Wo die Schuld sagt: Ich habe diesen Fehler gemacht, sagt die Scham: Ich bin ein Fehler. Scham ist monologisch, Schuld (bzw. Gewissen) dagegen dialogisch. (S. 60) Scham blockiert die Beziehung zum Du. Deshalb gibt es auch keine "Ent-schämung" wie es eine Entschuldigung gibt. Schuld ist dialogisch auf den Geschädigten bezogen. Daher kann sie auch abgearbeitet werden durch "Reue und Gewissens-Scham", Bekenntnis und Wiedergutmachung. (S. 61)

Die Schöpfungsgeschichte in Gen 1 zeigt, dass Gott den Menschen in Liebe zugetan ist. Sie werden bestraft, aber nicht beschämt. Es gibt eine jahrtausendealte Traditionslinie, in der die Bibel in diesem Sinne interpretiert wird, indem bestimmte Stellen der Bibel betont und andere vernachlässigt werden (1. Joh. 4,16; Psalm 113, 5-9) (S. 62) Im Gegensatz zu dieser wertschätzenden Theologie gibt es seit Augustinus aber auch die Traditionslinie, die auf dem Konzept der Erbsünde beruht und in den großen Kirchen des Westens seit Jahrhunderten dominiert. Diese Theologie beruht auf der Verachtung des Körpers, der Sinnlichkeit, Sexualität und Freude. Danach gelten Menschen im Grunde als sündig und schlecht. Die katholische Kirche betet "Herr, ich bin nicht würdig…". Erlösung besteht nach dieser Theologie darin, seine Leidenschaften zu kontrollieren und die Regungen des Körpers asketisch abzutöten, bzw. in der protestantisch-arbeitsethischen Variante: zu arbeiten. Eine Handlung ist Sünde, wenn sie mit Vergnügen verbunden ist. (S. 63) Eine derartige Tradition mit einem derartig abwertenden Menschenbild hat zur Folge, dass die Seele des Kindes mit pathologischen Schamgefühlen erfüllt wird. (S. 64)

Zur Neurobiologie der Scham vgl. Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst 2005. Man hat herausgefunden, dass dieselben Nervenzellen des Gehirns, die im Falle eigenen Schmerzes feuern, dies auch beim Erleben fremden Schmerzes tun. Das erklärt, warum ein Mensch Scham empfinden kann, wenn er die Scham eines anderen miterlebt. Empathische Scham ist die unverzichtbare Quelle von Mitmenschlichkeit und Solidarität und Voraussetzung für die Gewissensbildung. Insbesondere kleine Kinder saugen auf diese Weise auch die Scham auf, die in ihrer Familie oder ihrem Milieu besteht. (S. 65) Die Freude des Kindes, das liebevoll ge-spiegelt wird, führt zu einer erhöhten Ausschüttung von Hormonen, die das Wachstum be-stimmter Hirnregionen fördern, die zuständig sind für die Regulierung von Affekten, für Ler-nen und Gedächtnis sowie das Erleben eines kohärenten Selbsterlebens. Ist die frühe Eltern-Kind.Kommunikation gestört, werden die Betroffenen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln zurückgeworfen. "Scham macht also das, was im Volksmund als ‚dumm' bezeichnet wird." (S. 66) Scham steht in Verbindung mit der rechten Gehirnhälfte. Deren erhöhte Aktivität bei gleichzeitigem Zurücktreten der linken Gehirnhälfte, die für Vernunft, Gedächtnis, Sprache oder Affekt-Regulierung zuständig ist, erklärt, warum Scham die höheren Gehirnfunktionen zum Entgleisen bringt und den Betroffenen in einen kognitiven Schock versetzt. (S. 67)

Schamgefühle können von verschiedener Intensität sein. Sie reichen von Verlegenheit oder dem Empfinden von Peinlichkeit bis hin zum umfassenden Gefühl, nichts wert zu sein. Diese Gefühle können so schmerzhaft sein, das sie abgewehrt werden müssen. Das geschieht oft unbewusst. Manche Abwehr ist harmlos (z.B. Schmollen), andere selbstdestruktiv oder gemeingefährlich (Sucht, Gewalt). Pathologisch wird die Abwehr, wenn sie chronisch wird oder den Menschen, den sie schützen möchte, krank macht - oder die Mitmenschen. Weil Scham häufig abgewehrt wird, ist sie oft nur schwer zu erkennen. Sie zeigt sich in verhüllter Form. (S. 71)

Eine Methode, Schamgefühle zu vermeiden, besteht darin, entsprechende Situationen zu vermeiden, indem wir fliehen und uns verstecken. Kleine Kinder schließen die Augen oder halten sich die Hände vors Gesicht. Das Taktgefühl lässt uns über ein peinliches Verhalten anderer hinweggehen, als ob es nicht stattgefunden hätte. (S. 73)

Eine andere Reaktion auf Scham ist die emotionale Erstarrung (Alexitymie). Die schmerzhaf-ten Ereignisse und Gefühle werden derealisiert und abgespalten. (S. 76) Das kann für das unmittelbare Überleben sinnvoll sein, weil der Betroffene in Extremsituationen kühlen Kopf bewahren muss. So sind auf dem Schlachtfeld etwa die Gefühle der Soldaten weitgehend ausgeschaltet. Problematisch wird es, wenn diese Blockierung über die Extremsituation hinaus chronifiziert wird (Posttraumatisches Stresssyndrom). Solche Patienten leben in einer "Als-ob" Welt, als ob die eigenen Verfahren ihnen fremd, entfernt, nicht ganz real und nicht existent wären. (S. 77)

Eine andere Reaktion ist die Projektion. Dabei werden als unerträglich erlebte Gefühle und Bedürfnisse dadurch abgewährt, dass sie anderen Menschen zugeschrieben werden. Eigen-schaften, für die man sich selber schämt, werden anderen Personen oder Gruppen zuge-schrieben. So muss man die eigene Trauer nicht mehr fühlen, wenn man eine andere Person als "Heulsuse" verachtet. (S. 78)

Schamgefühle werden auch dadurch abgewehrt, dass andere dazu gezwungen werden, sich zu schämen (Beschämung). (S. 79) Carlo Collodis Buch Pinoccio beschreibt diesen Mechanismus. Die Beschämung des anderen aktiviert dessen Schamgefühle, die wiederum dadurch abgewehrt werden, dass der Beschämer beschämt wird. Dadurch entsteht ein Teufelskreis von gegenseitiger Scham und Beschämung, die das Klima einer ganzen Gesell-schaft bestimmen können. (S. 80)

Eine andere Form der Abwehr ist die Verachtung. Im Unterschied zur Beschämung ist die Verachtung "kalt". Sie besteht darin, dass jede Beziehung zu den verachteten Menschen ab-geschnitten wird. Sie werden zum Ding entwertet. (S. 82)

Andere Formen der Abwehr sind der Zynismus (S. 83) und der Negativismus (S. 84) sowie schließlich die Schamlosigkeit. Der Impuls der Scham wird dadurch abgewehrt, dass er in sein Gegenteil verkehrt wird, indem man nach außen Schamlosigkeit demonstriert (S. 86), indem man seinen Körper, seinen Reichtum oder seine Macht vorzeigt oder intimste Phantasien und Erlebnisse der Öffentlichkeit mitteilt. Traumatische Schamgefühle können dadurch abgewehrt werden, dass andere Menschen traumatisiert werden, indem man beispielsweise ihre Intimsphäre verletzt. Empathische Schamgefühle kann man abwehren, indem man sich von der Familie oder Nation distanziert und einen reinen Individualismus lebt. (S. 87) Gewissens-Scham kann abgewehrt werden, indem man mit dem Missbrauch von Menschen, Macht und Reichtum noch prahlt (Ackermann mit Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess). Zur Abwehr durch Arroganz. (S. 88)

Wenn Kinder schmollen, dann nehmen sie eine Auszeit, sie sind vorübergehend nicht da. Wird das Schmollen chronisch, so wird es zum Groll, wie er bei verbitterten Menschen zu finden ist. Ist der Groll heimlich, dann spricht man von Ressentiment. Es handelt sich um die starke Ablehnung von Personen oder Objekten, verbunden mit Rachsucht, Neid und dem Gefühl der Bitterkeit. (S. 89)

Trotz ist ein Abwehraffekt des frechen Aufbegehrens statt der lähmenden Scham. (S. 90) Schließlich kann die Abwehr auch in Zorn, Wut und Gewalt bestehen. (S. 91) Die Schwäche anderer Menschen erinnert an die eigene Schwäche und löst Aggressionen aus, die sich in besinnungsloser Gewalt äußern. (S. 92) Straftäter wollen die Selbstkontrolle dadurch wieder erlangen, dass sie Scham in Schuld verwandeln: lieber ein Täter sein als ein ohnmächtiges Opfer. Das führt zum Teufelskreis von Beschämung - Delinquenz - Beschämung. (S. 92) Auch Kriege lassen sich so erklären. Soldaten werden in der Grundausbildung deshalb beschämt, um sie gewaltbereit zu machen. (S. 93)

Abwehr ist auch durch Flucht in Größenphantasien, die Identifikation mit einer idealisierten anderen Person oder Gruppe (Nation) oder Perfektionismus möglich (S. 97) Scham-Prophylaxe durch geheimnisvolles Gehabe und unverständliches Reden und Schreiben. (S. 98), Sucht (S. 99)

Das Trauma des Dreißigjährigen Krieges löste Schamgefühle aus, die über viele Generationen tradiert wurden und den deutschen Nationalcharakter prägten. (S. 103) Die Beschämun-gen des 1. Weltkriegs führten zum Nationalsozialismus und zum 2. Weltkrieg. (S. 105) Zur Schambewältigung im Nachkriegsdeutschland (S. 114ff.) Mobbing und Scham (S. 126ff.Zur Scham durch Missachtung der Eigenzeit (S. 134ff.) Zum Schamdynamik in den USA, ausgelöst durch die Beschämung der Einwanderer in ihrer Heimat (Evelin Lindner!) (S. 145ff.) Zur Schamdynamik im Nahen Osten (S. 148ff.).

Das Verhängnis der Schamdynamik macht es notwendig, konstruktiv mit Scham umzuge-hen. Das beginnt allererst damit, dass die eigenen Schamgefühle überhaupt wahrgenommen und nicht sogleich abgewehrt werden. (S. 156) Das ist nicht immer leicht, weil Beschämun-gen oft sehr subtil sind und deshalb nicht leicht bewusst werden. (S. 156) Schamgefühle müssen sodann zugelassen und ausgehalten werden. Das bedeutet aber zunächst, auch das Minderwertigkeitsgefühl zuzulassen, in dem das Schamgefühl besteht. Das wird häufig nicht ohne psychologische Begleitung gehen. (S. 157) In einem dritten Schritt muss es davon ge-hen, die Scham zu differenzieren und genau zu identifizieren, worüber oder wofür wir uns schämen. Oft führt diese Reflexion schon zu der Erkenntnis, dass der Grund für unsere Scham eigentlich nicht angemessen ist. Im Falle der Gewissens-Scham sollte uns die Refle-xion veranlassen, uns zur Schuld zu bekennen, und sie wieder gutzumachen. (S. 159) Sofern es um Anpassungs-Scham geht, muss reflektiert werden, inwieweit man sich den gesell-schaftlichen Normen wirklich anpassen will. (S. 161)

"Weil Scham eine der leidvollsten Emotionen darstellt, ist das Eintreten des Menschen für seine Würde eine der kraftvollsten aller Leidenschaften, deren er fähig ist." (S. 174)

Konstruktiv müssen wir auch mit der Scham anderer umgehen. Die Herausforderung besteht darin, dass wir dazu neigen, eigene Beschämung durch Gegenbeschämung abzuwehren. Wer die eigene Scham durchgearbeitet hat, kann diesen Teufelskreis durchbrechen. (S. 177)

Anerkennung bedeutet, auf Beschämung zu verzichten und achtsam mit den Schamgefühlen anderer umzugehen. Die Fähigkeit, Anerkennung zu geben und entgegenzunehmen wird we-sentlich durch Scham blockiert. Daher führt der Weg zur Anerkennung über die Erinnerung und Auseinandersetzung mit unserer persönlichen Scham-Geschichte. Nach Axel Honneth besteht Anerkennung aus drei Dimensionen, nämlich der rechtlichen Anerkennung, zweitens der sozialen Wertschätzung und drittens der emotionalen Zuwendung. (S. 189f.) Anerkennung der Menschenrechte verbietet es, Menschen bloß zu stellen, zu beschämen und zu diskrimi-nieren, Anerkennung der Mitgliedschaft bedeutet demokratische Teilhabe und Anerkennung der Einzigartigkeit der einzelnen Person geschieht in liebender Zuwendung. (S. 190)